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aus Kap. 3: Beziehungsrelevante Persönlichkeitskontinua

Um dieses Leben wählen und führen zu können, ist es darum in polyamoren Beziehungen mehr noch als in traditionellen monogamen Beziehungen wichtig, zu wissen, wer man ist und wohin man strebt. Jemand, der für sich alleine lebt, kommt zum Beispiel auch ohne große Fortschritte mit seinem Leben einigermaßen gut zurecht. Wer in einer monogamen Beziehung lebt, muss zumindest so viele Fortschritte machen, dass er partnerschaftsfähig wird; er wird Kompromisse machen und lernen, dem Partner zu geben, was dieser braucht und mit problematischeren Persönlichkeitsaspekten zurückhaltend zu sein – kurz, er kann sich auf seinen Partner einstellen, ohne allzu umfassend an sich arbeiten zu müssen. Das heißt, dass sich die Beziehung einrichtet und in ihrer Dynamik zusammen mit der Persönlichkeitsentwicklung stagniert.

Polyamore Beziehungen, selbst in ihren einfachsten Formen, sind da schon anspruchsvoller. Hier ist jeder Partner mit seinen individuellen Eigenheiten und besonderen Bedürfnissen eine eigene und andere Herausforderung. Einen Status quo wie in vielen monogamen Beziehungen zu erreichen ist hier durch die Beziehungsvielfalt fast unmöglich, denn was ein Partner vielleicht nicht anspricht, stößt einem anderen möglicherweise sauer auf. Darum ist es in polyamoren Beziehungsgeflechten schwieriger, Lebenslügen aufrechtzuerhalten. Das mag unangenehm sein, wenn man nur seine Ruhe möchte und keine Veränderungen liebt, aber wer jung bleiben möchte, wer sich entwickeln und immer neue Erkenntnisse – auch über sich selbst – sammeln will und ehrlich an anderen Menschen und der Entfaltung der Liebe interessiert ist, findet hier ein reiches Übungs- und Betätigungsfeld.

Wenn man gezwungen ist, anderen gegenüber ehrlich zu sein, ist es auch einfacher, sich selbst gegenüber ehrlicher zu sein und sich seiner Lebenslüge zu stellen. Und Lebenslüge ist alles, wo man sich etwas vormacht, wo man nach außen und sich selbst gegenüber nicht das ist, was man in seinem inneren Wesen, in seinem ureigensten Gesetz ist. Das ist sehr umfassend und betrifft auch die Dinge, die wir nicht wirklich selbst zu verantworten haben, also auch den Atavismus, in den wir hineingeboren wurden und in dem wir aufgewachsen sind, und der uns nicht bewusst ist und als ganz natürlich erscheint, bis irgendwo eine Tür aufgeht, sei es im Gespräch, in Ansprüchen an die eigene Person oder beim Betrachten der Interaktion anderer, und ein neuer Lichtstrahl in der bisher bekannten Szenerie für neue Entdeckungen und Sehweisen sorgt.

Beziehungen können zwar in diesem Sinn therapeutisch wirken, aber einfacher sind sie, wenn wir uns schon vorher über grundlegende Fragen zu unserer eigentlichen Person im Klaren sind, denn wenn wir nicht wissen, wer wir sind und was uns ausmacht, wie wollen wir dann einen oder gar mehrere andere Menschen verstehen? Was Beziehungen angeht, so sind neben der Fähigkeit zu Hingabe und Liebe vor allem die Aspekte der sexuellen Individualität von großer Bedeutung, wenngleich es sicher auch Menschen geben wird, die Beziehungen nur auf Liebe gründen.

Diese sexuelle Identität definiert sich durch verschiedene Kontinua, die vom normalen Traditionsbewusstsein entweder nicht wahrgenommen oder nur vereinfachend schwarz-weiß gesehen werden. Es sind dies – ohne Anspruch auf Vollständigkeit – die Kontinua der geschlechtlichen Intensität, der geschlechtlichen Identität und der sexuellen Neigung.

aus Kap. 4: Liebe und Beziehung

Der erste Schritt in ein weiteres, freieres und wahreres Leben besteht für alle bewusst oder unbewusst polyamor fühlenden Menschen darin, sich von der Suggestion oder dem Empfinden zu befreien, unsozial, egoistisch, gesellschaftsschädlich oder gar abartig zu handeln. Auch wenn Moralvorstellungen Jahrtausende lang Gültigkeit hatten, so bedeutet das nicht, dass sie grundsätzlich keiner Evolution unterworfen sind. Sie können sich sehr wohl jederzeit ändern, aber je verhärteter die Strukturen sind, desto schmerzhafter und schwieriger fällt der notwendige Wandel aus, wenn er dann irgendwann einmal in Angriff genommen wird. Damit dieser Wandel aber möglich wird, muss man sich dem Bewusstsein öffnen, dass man nichts Falsches, Amoralisches oder Ungutes tut, sondern dass man sich als Fahnenträger der Wahrheit und der Liebe auf dem richtigen Weg befindet und dass man einer blinden, unbeweglichen, traditionsverhafteten Gesellschaft einen Fortschritt schenkt, der die gesellschaftliche Evolution beflügeln kann. Für die Entwicklung der Polyamorie ist ein Bewusstsein der eigenen Identität notwendig, die nicht die Folge eines unvermeidlichen, aber ungewollten Tabubruchs ist, sondern das Resultat einer bewussten und gewollten Entscheidung und gründend auf innerer Überzeugung.

Polyamore Beziehungen kommen bislang eher zufällig zustande, weil jemand nicht einsieht, einen Partner aufgeben zu müssen, um einen anderen zu bekommen. Das ist die zur Zeit häufigste polyamore Beziehungskonstellation, also ein Mensch mit zwei Partnern. Die meisten dieser Beziehungen sind inaktive oder passive Beziehungen, weil beide Partner darüber im Unklaren gelassen werden, meist aus Angst vor den Reaktionen. Um wirklich in die erste Phase polyamorer Beziehungen eintauchen zu können, um diese Beziehungsform zu aktivieren, muss man den Schritt in die Aufklärung wagen und die Partner über die Situation, ihre Möglichkeiten und die eigenen Wünsche informieren. Diese Partner, die sich dann unvermittelt als Teil einer polyamoren Beziehung wiederfinden, kennen meist noch nicht einmal den Begriff Polyamorie und verstehen den neuen Partner ihres Partners als Rivalen, was manchmal zur Trennung führt, manchmal auch zu einer grummelnden Duldung, aber nur selten zu einem herzlichen Willkommen. Das Hineinwachsen in eine solche Beziehung ist ein langsamer und mitunter beschwerlicher Prozess, der aber durch echte Liebe auf allen Seiten möglich wird.

Die nächste Stufe polyamorer Beziehungen kommt dann, wenn sich der ursprüngliche Initiator einem weiteren Familienmitglied gegenübersieht, das nicht durch ihn gekommen ist, sondern das durch einen der beiden Partner in die Familie eingeführt wurde. Bis dahin war die Struktur der Beziehung, wenn auch nicht von der Absicht her, strukturell eine Polygynie oder Polyandrie, in der es einen Beziehungsmittelpunkt mit meist gegengeschlechtlichen Partnern gab. Auf dieser neuen Entwicklungsstufe können andere Familienmitglieder, und auch die neu hinzugekommenen, weitere neue Beziehungen aufnehmen, so dass ganze Beziehungsketten entstehen. Ab jetzt gibt es kein Beziehungsmonopol mehr, sondern ein Beziehungsoligopol. Jetzt müssen nicht mehr nur die bisherigen Partner teilen lernen, sondern auch der jetzt ehemalige Beziehungs-Mono-Pol.

Nun kann sich eine richtige Beziehungsdynamik herausbilden. War diese vorher noch auf den Beziehungs-Mono-Pol ausgerichtet, so muss sie sich jetzt an wirklich polyamoren Werten orientieren und gewissermaßen reifen, denn jetzt gibt es zunehmend Partner der Partner, zu denen man früher oder später irgendeine Art der Beziehung aufbauen muss, und das betrifft nicht nur die gegengeschlechtlichen Familienzuwächse, sondern auch die gleichgeschlechtlichen, denn wenn sich diese Beziehungsketten bilden, besteht die Gefahr von Überforderung und Gleichgültigkeit. Jetzt ist es unumgänglich, stärker zusammenzuwachsen und persönliche oder zumindest intensive soziale Beziehungen zu den neuen Familienmitgliedern aufzubauen, um aus den zerfasernden Ketten ein Geborgenheit bietendes Netz zu formen. Das gilt auch und besonders für die Neuzugänge des gleichen Geschlechts, was nicht heißt, dass sich alles auch sexuell ausdrücken muss. Sexualität ist nur eine Ausdrucksform der persönlichen Beziehung, und es wird bei polyamoren Beziehungen auch immer intensive und weniger intensive individuelle Beziehungen aller Art geben.

aus Kap. 5: Eifersucht

Eine Sache, die im Zusammenhang mit Liebe und Zusammenleben immer wieder genannt wird und die auch eine Ursache für viel vergangenes und gegenwärtiges Leid auf diesem Planeten ist, heißt Eifersucht. Für viele Menschen sind Liebe und Eifersucht untrennbar miteinander verbunden, was schon der Kirchenvater Augustinus bestätigt und fördert, wenn er sagt: „Wer nicht eifersüchtig ist, liebt nicht.“ Aber auch wer gegenteiliger Meinung ist, kann sich kaum jemals frei von Eifersucht machen. Solange man nur einen Partner hat, ist das Problem meist überschaubar, aber wenn man, wie in der Polyamorie, vielfältige Beziehungen pflegt, kann es schnell etwas unüberschaubarere und für die Beziehungen bedrohlichere Dimensionen annehmen.

(…)

Vielleicht sollte man an dieser Stelle auf die verschiedenen Qualitäten einer Beziehung eingehen, damit es nicht zu Begriffsverwirrungen kommt. Wenn hier von Liebe die Rede ist, dann ist auch tatsächlich Liebe gemeint. Die meisten Beziehungen gründen auf vitaler oder physischer Anziehung, auf Verliebtheit, harmonischer Chemie, ähnlichen Interessen, sexueller Harmonie, Gewöhnung, Bequemlichkeit, Leidenschaft oder Ähnlichem, was uns durch die damit verbundenen, ungewohnten, großen Emotionen dazu verleitet, an Liebe zu denken. Und in diesen Fällen kann eine zweite Partnerschaft des Partners durchaus dramatisch wirken, aber wenn einem an der Beziehung etwas liegt, dann kann man in einer offenen Aussprache durchaus vernünftige Vereinbarungen treffen, die den Verlustängsten die Spitze nehmen.

Bei wahrer Liebe hingegen ist das kaum nötig, denn Liebe existiert jenseits dieser Emotionen und jenseits des Ego. Wahre Liebe schaut nicht auf sich selbst, sondern auf den Partner. Und darum ist sie glücklich, wenn der Partner glücklich ist. Darum hat wahre Liebe auch kein Problem, wenn der Partner eine zweite oder dritte Partnerschaft eingeht, solange er dabei glücklich ist und man selbst imstande ist, die alltägliche gesellschaftliche Gehirnwäsche auszublenden. Liebe trägt in sich die Empfindung der Einheit, und wenn man also wirklich liebt, ist man zu Eifersucht nicht fähig. ­Darum müsste man die Aussage des Augustinus eigentlich umkehren und sagen: Wer eifersüchtig ist, liebt nicht.

Aber damit ist das Thema noch nicht abgeschlossen. Wahre Liebe birgt ein viel größeres Potenzial für Beziehungen in sich, denn man toleriert den neuen Partner des Partners nicht nur, sondern man freut sich, wenn der Partner sich freut, nicht nur um des Partners willen, sondern auch um der Liebe selbst willen, denn diese ist Ausdruck unserer wahreren, tieferen Natur und ist auf der Erde und in unserem Leben viel zu wenig präsent. Wer liebt, freut sich über jede neue Liebe und nimmt Anteil an ihr, fühlt mit ihr und wächst mit ihr. Diese Freude über das Glück und die Liebe des Partners bezeichnet man in der Polyamorie mit dem englischen Kunstwort Compersion. Im Deutschen könnte man dazu vielleicht Mitliebe sagen. Im Rahmen der Evolution von Eifersucht und Leidenschaft zu größerer Beziehungsfähigkeit und schließlich zur Liebe, also der Abwesenheit von Eifersucht, gibt es mit der Compersion, der Mitliebe, eine Steigerung im Ausdruck der wahren Liebe, die letztlich die Antithese zur Eifersucht ist – das Nein der Eifersucht wird in dieser Evolution zum Ja der Mitliebe.

aus Kap. 6: Die Säulen der Polyamorie

Der Aufbau von Beziehungen mono- und polygamer Natur ist rein technisch gesehen eine einfache Sache, und für ihre Aufrechterhaltung gibt es in den Gesellschaften, in denen diese Beziehungen für gewöhnlich entstehen, Regularien und gelebte Vorbilder und damit auch eine gewisse soziale Unterstützung. Auch polyamore Beziehungen sind von der technischen Seite her einfach zu gründen; es reicht aus, dass jemand zwei Menschen liebt, diese Liebe erwidert wird und die Partner einander akzeptieren.

Aber bereits mit dieser erforderlichen Akzeptanz taucht für gewöhnlich das erste Problem auf: Für die Menschen, die heute leben, ist die Polyamorie trotz 68er-Kultur und obwohl es gewiss auch schon in früheren Zeiten – seltene und verborgene – polyamore Beziehungen gegeben hat, eine völlig neue Erscheinung. Sie ist ein gesellschaftlich unbekanntes Phänomen, ein dem Bewusstsein fremdes Land, zu dem es im Leben der Menschen keine Entsprechung gibt. Sie finden keine Bewusstseinsmatrix, die sie sich zu eigen machen oder in die sie sich einfügen könnten oder die ihnen als Orientierung zu dienen vermöchte. Die Formationen, in deren Umarmung oder Umklammerung wir aufgewachsen sind, sehen diese Lebensweise nicht vor und bieten für sie auch keine Unterstützung. Wenn man dann plötzlich die Chance erhält oder vor die Entscheidung gestellt wird, zu einem Teil auch nur der einfachsten polyamoren Beziehung zu werden, dann steht man mitunter vor einem Abgrund, vor einer Zerreißprobe zwischen den Gefühlen für den geliebten Menschen und der Aufforderung, ausgetretene Pfade und die Geborgenheit gesellschaftlicher Konventionen zu verlassen und in etwas Neues aufzubrechen, dem die passive Gesellschaft blind und hilflos gegenübersteht, weil ihr dazu die Gebrauchsanweisung fehlt, die sie sonst immer so sicher durch das Leben geführt hat.

Die erste Anforderung für ein polyamores Leben besteht also darin, sich nicht von der Gesellschaft und ihren Traditionen und Erwartungen denken zu lassen, sondern die Dinge und auch sich selbst und seine Wünsche und Möglichkeiten ohne rosa- oder andersfarbene Brillen und ohne Scheuklappen unvoreingenommen zu betrachten und daraus selbständig Schlüsse für das eigene Leben zu ziehen. Diese Betrachtung ist ein erster Anstoß zur Entfaltung der eigenen Individualität und führt nicht zwangsläufig zu einer positiven Haltung gegenüber der Polyamorie, sondern kann einen Prozess anstoßen, der es einem erlaubt, zu unabhängigem Denken zu finden und zu erkennen, dass auch die eigenen Einstellungen und Vorlieben nicht auf alle Ewigkeiten in Stein gemeißelt sind und sich im Laufe der Persönlichkeitsentwicklung auch zu ändern vermögen. Die Folge ist eine prinzipielle Offenheit für andere Lebens- und Seinsweisen und die Bereitschaft, sich immer wieder neu zu betrachten und neu zu erfinden. Und wenn man dann, noch unvorbelastet, auf die Polyamorie trifft, dann hat man die Möglichkeit, sich halbwegs frei zu entscheiden, ob man diesen Pfad – jetzt oder später einmal – einschlagen möchte oder nicht. Und diese Freiheit der Wahrnehmung und Betrachtung, diese Art von Pragmatismus und Unvoreingenommenheit hilft dann auch später in einer Polybeziehung, sich von Erwartungen und Ansprüchen frei zu machen, die ihre Wurzeln in monoamoren oder vielleicht auch polygamen Beziehungen haben und der polyamoren Lebenswirklichkeit nicht entsprechen. Auch wenn es jetzt vielleicht noch nicht so aussieht und sehr gewagt futuristisch erscheint, so ist doch die Monoamorie oder Monogamie ein Sonderfall der Polyamorie und nicht umgekehrt. Das heißt, dass man eine monoamore Beziehung zwar mit einem Großteil der Regeln oder Ansprüche der ­Polyamorie bestreiten kann, aber eine polyamore Beziehung nach den Regeln und Ansprüchen der Monogamie nicht bestehen und wachsen kann.

aus Kap. 7: Polyamorie und Gesellschaft

Der vermutlich dritte Problempunkt im öffentlichen Bild der Polyamorie betrifft natürlich den Sex. Da werden Vorstellungen von Promiskuität, Streitigkeiten und Sexorgien auftauchen und Fragen nach Treue, Eifersüchteleien und dem generellen Funktionieren dieser Form des Zusammenlebens gestellt werden. Das sind alles keine Dinge, die Polyamorie-spezifisch sind und die in allen Beziehungen existieren können, und vor allem die letzten Punkte reduzieren sich durch das gelebte Beispiel auf das für andere Beziehungsformen übliche Ausmaß, denn auch wenn polyamore Beziehungen anfangs vielleicht mit größerem Enthusiasmus, mehr Idealismus, offenem Austausch und bewusster Anstrengung gelebt werden, so werden sie doch auch prinzipiell an den gleichen Krankheiten leiden, wie alle anderen Beziehungen auch. Allein die größere Bewusstheit und die vielfache Liebe und Unterstützung der anderen Partner kann einen Unterschied zum Besseren hin bewirken.

Die Frage nach der Sexualität schürt natürlich die Vorstellungskraft der Menschen. Die meisten Menschen lieben Sex und die meisten Menschen neigen dazu, ihr Sexualleben privat zu halten, sind aber über die Maßen an den sexuellen Eskapaden anderer interessiert. Daraus könnte man den Schluss ziehen, dass deren eigenes sexuelles Erleben nicht vielfältig genug ist, so dass sie immer auf der Suche nach Anregungen oder zumindest Stimulation sind. Aber die Sache mit dem Sex scheint im Wesentlichen die zu sein, dass er im Bewusstsein der Menschen immer noch in der Schmuddelecke angesiedelt ist. Die Menschen sprechen ­bisweilen recht detailliert über alles Mögliche, über Essen, Kleidung, Streitigkeiten, die Arbeit, das Wetter, den Garten, das Auto, den Sport, die Kinder, Politik, Umwelt, Geld – aber nicht in dem Ausmaß und mit dieser Selbstverständlichkeit über Sex. Wenn es um Sex geht, dann sind wir gewissermaßen sprachlos, und zwar weil wir es nicht gelernt haben. Wir haben keine Übung im Sprechen über den Sex und noch weniger die benötigten Vorbilder. Dieses Nicht-darüber-sprechen und das Nicht-darüber-sprechen-können schafft einen leeren Raum in unserer Wahrnehmung, eine Tabuzone, die verhindert, dass wir uns mit dieser Thematik genauso natürlich befassen wie mit Autos oder dem Essen. Statt dessen sind wir verkrampft, wenn wir über Sex sprechen müssen, und auch unsere Gedanken, die ja einen großen Teil unseres Lebens um den Sex kreisen, sind verkrampft und bewegen sich nicht frei und virtuos, sondern sind gefangen im Tabubewusstsein und den wenigen engen, unreflektierten Moralvorstellungen, mit denen wir aufgewachsen sind und die uns dominieren. Der Sex, obwohl nicht verboten und global praktiziert, erhält durch diese Sprachlosigkeit und Tabuisierung doch den Hauch des Verbotenen und einen Wert, der seine wahre Bedeutung deutlich übersteigt. Als unsere Altvorderen, getrieben von falsch verstandenem religiösem Eifer und den Macht- und Kontrollgelüsten der Kirche, darum versuchten, uns den Sex und die Freude an ihm madig zu machen, haben sie die Grundlagen für eine sexuell repressive Gesellschaft gelegt, in der die Gedanken an den Sex allgegenwärtig sind. Die gegenwärtig immer noch anhaltende Sexualisierung, die sehr langsam abzuklingen scheint, ist genauso eine Gegenbewegung zur früheren Repression wie die Nachkriegsgelage eine Gegenbewegung zu Hunger und Entbehrung während des zweiten Weltkrieges waren. Für die Heilung der Gesellschaft und auch um das sexuelle Leben in polyamoren Beziehungsgeflechten besser beurteilen zu können, ist es nötig, dass dieses Pendel, das zwischen Repression und Exzess hin und her schwingt, an einem angemessenen Ort zur Ruhe findet und die Sexualität zu einem integralen Bestandteil des Lebens wird, ohne Scheuklappen und rosa Brille und mit viel Bewusstsein und der jeweils charakteristischen, individuellen Ausprägung.

aus Kap. 8: Polyamorie und Recht

Ebenfalls sehr schwierig sind bei einer komplexen Kernfamilie jegliche Besitzfragen, da sich hier die Vermischung von Besitz nicht mehr wirksam vermeiden lässt und jegliche Absprachen für den Fall einer Trennung oder den Todesfall ungemein komplex sind. Hier kommt dann noch eine Besonderheit hinzu, wenn sich solche Familienentitäten durch Vernetzung einer Mindestanzahl von Mitgliedern der Kernfamilie bilden: die Clanbildung. Solange sich polyamore Beziehungen nur verzweigen oder nur in kleinem Maßstab vernetzen, ist ihre Existenz endlich, das heißt, dass immer wieder einmal Verzweigungen abbrechen und sich neue Verzweigungen bilden und dass sich Beziehungen auch durch den Tod der Partner auflösen. Wenn Größe und Vernetzung polyamorer Familien jedoch ein gewisses Maß überschreiten, dann kann es sein, dass diese Familie den Charakter der Endlichkeit verliert. Das liegt daran, dass die Altersstruktur der Primär- oder Gründungsgeneration der Familie meist recht heterogen ist.

Nehmen wir zur Erläuterung einmal an, dass ein 40-Jähriger einen Partner hat, der 50 Jahre alt ist, und einen zweiten mit 30 Jahren. Der 50-Jährige hat einen weiteren Partner, der 60 ist und der 30-Jährige einen mit 20 Jahren, und weitere Partner liegen altersmäßig irgendwo dazwischen. Wenn man die Situation dann 30 Jahre später ansieht, dann ist der jetzt 60-Jährige vielleicht gerade gestorben und der 20-Jährige ist jetzt 50. Der hat aber nicht vor 30 Jahren aufgehört, sich zu verlieben, und auch die anderen waren nicht untätig, so dass das aktuelle Altersspektrum jetzt nicht von 50 bis 90 reicht, sondern vielleicht von 20 bis 90. Während also die Familie auf der einen Seite durch den Tod der älteren und kranken Mitglieder oder durch Trennung schrumpft, wächst sie am anderen Ende durch neu hinzukommende Partner nach, so dass irgendwann der Fall eintritt, dass die Familie immer noch existiert, obwohl von der ursprünglichen Gründergeneration niemand mehr lebt.

Wenn man in einer solchen Familiensituation jedes Mal, wenn jemand die Familie verlässt (auf welchem Weg auch immer), anfangen muss, die Besitzverhältnisse auseinanderzudividieren und neu zu ordnen, dann wird man seines Lebens nicht mehr froh, weil man mit permanenter Neuordnung und rechtlicher Nacharbeitung beschäftigt ist. Die Lösung dafür könnte so aussehen, dass man ein neues Beziehungsinstitut namens „Clan“ oder „Dauerfamilie“ schafft. In diesen Clan kann man aufgenommen werden durch Mehrheitskonsens oder durch den Wunsch einer festgelegten Anzahl von Mitgliedern. Vielleicht kann man auch eine Prä-Clan-Annäherungsphase einrichten. Clan-Vollmitglieder übertragen ihren Besitz und ihren Verdienst oder einen festgelegten Teil davon gleich oder nach ­einer bestimmten Zeit an den Clan und werden entsprechend vom Clan versorgt, oder es baut sich jeder einen Privatbesitz bis zu einer gewissen Summe auf und alles darüber geht an den Clan. Dieser Clansbesitz dient dazu, die Kontinuität dieser polyamoren Familie zu gewährleisten und ist darum im Falle von Trennung oder Tod unantastbar, also sollte man sich den Clansbeitritt und die komplette oder parzielle Besitzübertragung gut überlegen. Bei Trennungen und wenn Kinder den Clan verlassen, um eigene Beziehungen einzugehen, kann eine Art Grundausstattung aus dem Clansvermögen gewährt werden, aber jeder weitere Anspruch darauf erlischt.

Auf diese Weise werden jegliche Besitzstreitigkeiten vermieden und die Familie muss nicht bei jeder Trennung um ihre Existenz bangen. Im Laufe der Zeit…

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