Religion, Staat und Sexualität

Icon SexualitätpoliconIn den USA schlägt der Fall Kim Davis zur Zeit hohe Wellen. Nachdem der Oberste Gerichtshof die Beschränkung der Ehefreiheit auf heterosexuell agierende Menschen gekippt hat und damit gleichgeschlechtliche Ehen landesweit ermöglichte, hat sich Kim Davis unter Berufung auf ihre Religionsfreiheit geweigert, gleichgeschlechtlichen Paaren den – nicht-religiösen – Eheschein auszustellen und dafür sogar von verschiedenen Präsidentschaftskandidaten, die das amerikanische Rechtssystem eigentlich kennen sollten, Unterstützung erfahren. Dieses verpflichtet sie mit gutem Grund, ihre Aufgaben gegenüber dem Staat und seinen Bürgern, von denen sie gewählt wurde, zu erfüllen und ihren Amtseid zu respektieren.
Ihre Aufgabe ist es, einen säkularen, nicht-religiösen Verwaltungsakt zu erledigen, der im Übrigen unter das Jesuswort fällt, dass man dem Kaiser geben soll, was des Kaisers ist. Ihrem Verhalten und der Logik ihrer Argumentation nach, sieht sie sich aber als Priesterin, die mit der Beurkundung einen christlich-sakralen Akt vollzieht. Anders als etwa in Deutschland, können in den USA die Priester, bei Vorlage einer Eheerlaubnis, die säkulare Trauung zusammen mit der kirchlichen Trauung vollziehen. Wer also im Rathaus eine Heiratsurkunde möchte, beabsichtigt ganz offensichtlich keine kirchliche Trauung. Und gleichzeitig ist für die kirchliche Seite eigentlich nur die kirchliche Trauungszeremonie die echte Hochzeit und die säkulare Form nur eine an sich bedeutungslose Formalität.
Dieser Versuch, nicht nur von Kim Davis und nicht nur in den USA, die säkulare Eheschließung von Menschen gleichen Geschlechts zu unterbinden, zeigt ein grundlegendes Problem im Selbstverständnis von Staat, Religion und Gesellschaft auf.
Der Begriff der Religionsfreiheit wird gerne dahingehend interpretiert, dass die Menschen die Freiheit haben, sich für irgendeine Religion zu entscheiden. Und sie können sich auch für jede beliebige Religionsauffassung und Religionsauslegung entscheiden. Aber wenn diese Auffassung und Auslegung ihnen verschiedene Dinge und Handlungen verbietet, dann müssen sie bei der Gestaltung ihrer Lebensführung Sorge tragen, nicht in glaubensferne Lagen zu kommen, denn sie können nicht erwarten, dass der Staat seine Verwaltung an sämtliche Religionen und Sekten und an die unzähligen individuellen Religionsauffassungen anpasst. Im Falle von Kim Davis, deren Religionsauffassung ihr wohl Scheidung, Fremdgehen, erneute Heirat, die Trauung religionsloser Menschen oder von Angehörigen nicht-christlicher Religionen wohl erlaubt und einzig die Trauung von gleichgeschlechtlichen Paaren verbietet, liegt die einzige Möglichkeit, ihrer Religionsauffassung treu zu bleiben, darin, sich einen neuen Beruf zu suchen, der ihr keinen Gewissenskonflikt beschert. Und das gilt natürlich auch für europäische Standesbeamte mit ähnlichen Problemen.
Was sie aber stattdessen macht, ist, dass sie versucht, unter Hinweis auf die Freiheit von Religion und Gewissen, ihre Religionsauffassung anderen Menschen aufzudrängen und die staatliche Ehe als Form der religiösen Ehe umzudefinieren. Damit widerspricht sie nicht nur der säkularen Verfassung und Staatsauffassung und darüber hinaus der ersten Definition der Religionsfreiheit, die sie für sich in Anspruch nimmt und die sie anderen durch ihre Nicht-Anerkennung anderer Religionsauffassungen verweigert, denn die Religionsauffassung mancher gleichgeschlechtlicher Paare gestattet ihnen durchaus die Ehe, und es gibt durchaus auch Kirchen, die gleichgeschlechtliche Trauungen durchführen, sie widerspricht auch ganz eklatant der zweiten Auffassung von Religionsfreiheit, die kaum jemandem bewusst zu sein scheint, der Freiheit, keiner organisierten Religion oder überhaupt einer Religion angehören zu müssen. Diese beiden Religionsfreiheiten werden übrigens bei Neugeborenen permanent verletzt.
Das Frei-sein von Religion ist genauso Grundrecht wie die freie Religionswahl.
Was Kim Davis durch ihre Forderungen und Ansprüche offensichtlich will, ist eine Art christlicher Gottesstaat nach islamischen Muster, in dem statt Scharia das alte jüdische Recht herrscht, obwohl sie nach diesem schon mehrmals hätte gesteinigt werden müssen. Also wünscht sie sich vermutlich einen Gottesstaat nach ihrer privaten Façon. Nur sind so ziemlich alle westlichen Staaten aus gutem Grund säkulare Staaten, denn würde man irgendeine Religion eines Landes zur seiner Staatsreligion erheben, dann hätte in der Regel eine sehr großer Teil der Bevölkerung, der dieser Religion nicht angehört, dagegen etwas einzuwenden. Und wenn man die Basisreligion, also hier das Christentum, als Staatsreligion festlegen würde, dann würde es immer noch gewaltig Streit geben, da die einzelnen christlichen Sekten zu fast jedem Thema bisweilen extrem unterschiedliche Ansichten haben, ganz abgesehen davon, dass die z. T. Recht große Fraktion der Atheisten, der Religionslosen und der Freigeister sowie die Angehörigen anderer Religionen damit ausgegrenzt würden.
Die Bevölkerung unserer modernen Staaten ist – mit steigender Tendenz – derart vielfältig, dass eine religiös agierende Regierung unmöglich auch demokratisch sein kann. Also muss die Religion in demokratischen Staatswesen außen vor bleiben, und dieses muss sich an einem verbindenden statt einem trennenden Ideal, wie es eine Religion darstellt, orientieren: dem Humanismus.
Aber gesetzt dem Fall, Kim Davis könnte den Supreme Court dazu bewegen, die Religions- und Gewissensfreiheit so weit auszulegen, wie sie es sich wünscht, dann würde dies natürlich nicht über eine einmalige Ausnahmegenehmigung funktionieren, sondern über ein allgemeines Verweigerungsrecht aus Religions- und Gewissensgründen. Solch ein Sieg könnte aber nur kurz gefeiert werden, denn er wäre ein Freibrief für alle möglichen Verweigerungen: Kim Davis – und sicherlich eine unüberschaubare Vielzahl weiterer Menschen – wird dann unter Umständen nicht mehr bedient, weil sie Kleidung aus zwei verschiedenen Materialien trägt oder weil sie die Ehe gebrochen hat oder weil sie kein Kopftuch trägt oder weil sie arbeitet, statt hinter dem Herd zu stehen, oder was immer einem das Gewissen eingibt. Letztlich könnte jeder, dem etwas nicht passt, egal was, mit seinem Gewissen und seiner persönlichen Religionsauslegung argumentieren. Dann gäbe es keine Verlässlichkeit und keine Rechtssicherheit mehr, und das reine Chaos würde regieren. Ob ihr wohl klar ist, dass sie damit das Zeitalter der Religionsbürgerkriege auslösen würde?
Aber vermutlich ist das Ganze nur ein Vorwand. Hinter der Ablehnung der gleichgeschlechtlichen Ehe steckt ja die Ablehnung der Homosexualität an sich, gegen die sie und das gesamte religiöse Establishment nichts mehr unternehmen können. Die Verweigerung der Kim Davis hat sich zu einer Art Stellvertreterkrieg ausgewachsen, in dem es im Grunde genommen darum geht, der Gesellschaft die unreformierbaren Moralvorstellungen der Religionswelt aufzuzwingen. Diesen Krieg hat die Religion und die von ihr instrumentalisierten, überwiegend konservativen Kreise bei der Frage der Sklaverei, bei den Frauenrechten, bei der Einführung der Scheidung, bei der Legalisierung der Abtreibung, bei der Ächtung der Selbstbefriedigung, bei der Straffreiheit für außerehelichen Sex usw. bereits verloren.
Wir befinden uns jetzt gewissermaßen im Krieg um die Frage, wer unser Leben bestimmen soll: die Religion, der Staat, die Gesellschaft oder wir selbst? Allzu viele Betätigungsfelder gibt es hier für die Religion nicht mehr. Und die Sexualität und die mit ihr generierbaren Scham- und Schuldgefühle sind – in Verbindung mit der „göttlichen“ Autorität der Religion – ihr mächtigstes Instrument, das sie in der Vergangenheit bei missliebigen Herrschern und anderen menschlichen Hürden gerne auch gezielt verwendet hat. Darum interessiert sie die Sexualität auch mehr als Gott.
Religion, Staat und Gesellschaft decken bestimmte, jeweils unterschiedliche Bedürfnisse des Menschen ab, und idealerweise unterstützen sich alle Vier gegenseitig bei ihrem Wachstum, welches das Ausmaß ihrer Bewusstseinsentwicklung widerspiegelt. Das Individuum macht individuelle Fortschritte, die sich irgendwann auf das Gemeinwesen übertragen. Dieses erfährt dadurch eine Entwicklung und ändert dementsprechend seine Regeln, was wiederum weiteren Menschen hilft, Fortschritte zu machen. So befinden sich Leben und Gesellschaft in einem permanenten Übergang von Tradition zu Fortschritt und dadurch auch in einem stetigen Spannungsfeld. Von den Kräften, die in diesem Spannungsfeld wirken, ist die Religion ständig auf der Seite derer, die sich gerne gegen jeglichen Wandel und Fortschritt aussprechen.
Gesellschaft und Staat sind für viele Bedürfnisse zuständig, aber nicht für alle. Es gibt im Menschen ein gerne geleugnetes Bedürfnis nach Spiritualität im weitesten Sinne. Die Befriedigung dieses Bedürfnisses ist die Aufgabe der Religion, die sich aber lieber in die Tätigkeit der anderen zum Teil massiv einmischt, aber ihr eigenes Haus, ihre eigene Domäne, völlig vernachlässigt.
Der Wunsch nach Spiritualität drückt sich zuerst in der Philosophie aus, die sich als erster Lebensbereich direkt mit der Sinnfrage beschäftigt. Die erste Lösung dieser Frage führte zum „Ich glaube“ der Religion. Das Problem der Religion ist nun, dass sie sich als Endpunkt der Entwicklung betrachtet und über diesen grundlegenden Glaubenssatz hinaus vorgibt, den Willen Gottes zu kennen und sein Sprachrohr zu sein – in allen Fragen des Lebens. Aber weder kann sie dieses sein, noch kann sie diesen Anspruch untermauern, noch ist dies ihre primäre Aufgabe. Die Religion ist nicht Wissen, sondern eine Frage. Diese Frage ist der Ausgangspunkt für die Suche nach tieferer Erkenntnis und letztlich nach Gott, also für Spiritualität. Und aus dieser Suche erwächst der Kontakt mit einem Höchsten Bewusstsein oder dem Göttlichen, das sich in uns ausdrückt. Die Religion wäre das Tor zu dieser Entwicklung, aber sie hält dieses nicht nur fest verschlossen, sondern sie versucht auch durch eine primitive Religionsauffassung, eine verdummende Religionspraxis und die Vortäuschung von Autorität uns davon abzuhalten, auf diese Entdeckungsreise zu gehen.
Gesellschaft und Staat haben trotz dieser Einflussnahme eine Entwicklung oder Evolution durchlaufen, die durch eine progressive Religiosität sicher einfacher gewesen wäre. Nur hat sich die Religion durch ihre Dogmatisierung, Ritualisierung und Machtgier nicht mitentwickelt, so dass sie für unser ganzheitliches Menschsein zu einer Fessel geworden ist, die uns an den unverrückbaren Felsen der Vergangenheit und an das Bild eines statischen Gottes mit einer statischen Wunsch-Menschheit kettet. Für die menschliche Entwicklung bedeutet das ein wachsendes Ungleichgewicht, und der Mensch beginnt darum zunehmend, diese Fesseln abzustreifen, die Religion als überflüssig gewordenes Element seiner Evolution in der Vergangenheit liegen zu lassen und sich selbst auf den Weg der Suche zu begeben.
Das ganze Gebiet der Sexualität und der menschlichen Beziehungen, die kein wesentlich religiöses Thema sind, sondern vor allem ein individuelles und gesellschaftliches, wird sehr stark von der Religion dominiert und ist entsprechend bewusstseinsfern. Unterdrückung, Scham und Tabuisierung sind nicht die Ingredienzen für eine bewusste, freie und in das Leben integrierte Sexualität, die einen bedeutenden Anteil an unserem Leben und unserer Gesellschaft hat und eine wichtige, verbindende und harmonisierende Funktion erfüllt. Darum ist der Grad ihrer Befreiung gleichzeitig auch der Grad des religiösen Machtverlustes.
Menschen wie Kim Davis sind willige Instrumente bei dem Versuch der Religion, sich gegen ihren Verlust an Bedeutung und Einfluss aufzubäumen. Gekettet an den Felsen der Vergangenheit und an das Götzenbild eines vergangenen Gottes wird sie im steigenden Meer der Zukunft versinken, wenn sie der Gesellschaft, dem Staat und dem Individuum nicht gibt, was ihrer ist, und wenn sie sich nicht Gott widmet, also ihrer Aufgabe folgt.
7.10.2015

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