Debattenkultur und die Wege der Logik

policonIn unserer Gesellschaft, in der Politik und in unserem Leben tauchen immer wieder kontrovers und bisweilen sehr emotional diskutierte Themen auf, die sich auch nicht so ohne weiteres lösen lassen. Ein Problem dabei ist, dass es keine wirkliche und weitreichende Diskussionsplattform gibt, auf der man diese Themen umfassend besprechen könnte. Und gäbe es sie, so hätte man das Problem, dass die Beiträge von sehr unterschiedlicher Art und Qualität sein werden und von unterschiedlichen Mentalitäten stammen und unterschiedliche Niveaus von Informationsvielfalt und -güte und von argumentativer Ausbildung widerspiegeln. Die Folge ist, dass man aneinander vorbeiredet und Meinungen, Vorurteile, Dogmen, Simplifizierungen und abgehobene Gedankengänge aufeinanderprallen, die eine sinnvolle Diskussion unmöglich machen.

Nun kann man sich fragen, ob man darauf nicht verzichten könnte, denn letztlich gibt es nur eine Wahrheit, und eine Handvoll gut ausgebildeter Experten sollte doch mit den Mitteln der Logik imstande sein, zu einem gemeinsamen Befund zu kommen und die absolute Wahrheit einer Sache oder ihre einzig logische Lösung herauszufinden – schließlich hängt Logik nicht von Emotionen ab und ist unbestechlich.

Aber so einfach ist diese eher technokratische Art der Lösung nicht. Es gibt keine einzige und unwiderlegbare Wahrheit, außer vielleicht das Göttliche an sich, und es gibt praktisch keine unabhängige, objektive und singuläre Logik. All diese Dinge sind relativ – aber die Betrachtungen zu diesem Thema der Wahrheit und Logik können dabei helfen, Fortschritte in der Selbsterkenntnis, der Objektivität und der Debattenkultur zu machen.

Da ist zuerst einmal die Frage nach der Wahrheit, also nach der Tatsächlichkeit. Es gibt eine Wahrheit im Bereich Philosophie, Religion, Spiritualität und Bewusstseinsforschung, welche die Existenz und Natur des Göttlichen oder eines Großen Bewusstseins betrifft, und materieller gedacht gibt es eine Wahrheit, welche die Gesamtheit allen Seins darstellt. Diese Wahrheiten sind absolut, weil es darüber hinaus nichts gibt. Diese Wahrheiten sind aber auch nur dann absolut, wenn man sie als solche anerkennt, denn solange man sie nicht erfahren hat und sie objektiviert werden können, sind sie nur spekulativer und subjektiver Natur und sind darum für all jene, die diese Erfahrung nicht gemacht haben oder diese Objektivierung nicht nachvollziehen können, keine Wahrheit, sondern ein Glauben. Mit einem solchen kann man sich mit den Werkzeugen der Philosophie befassen, aber in seiner Essenz lässt er sich weder be- noch widerlegen und kann daher auch kein wichtiges Element von logischen Betrachtungen und Wahrheitssuche sein. Und wenn man das Universum als absolute Wahrheit betrachtet, dann sieht man auch, dass man ihm/ihr zwar nichts wegnehmen oder hinzufügen kann, es/sie aber auch einem steten Wandel unterworfen ist, also keine statische, sondern eine dynamische Natur hat und die Wahrheit somit veränderlich und dynamisch ist.

Dann gibt es nach der spekulativen absoluten Wahrheit noch die faktische Wahrheit, die sich zum Beispiel in den Naturgesetzen und den beobachtbaren Vorgängen der Natur ausdrückt. Die Erkenntnisse davon sind wahr, wenn und solange sie nicht durch neue Beobachtungen und Erkenntnisse relativiert werden. Dass etwa eine Campsis-Blüte nur von einem Kolibri bestäubt werden kann, ist nur solange eine Wahrheit, bis eine Bestäubung durch ein anderes Tier oder durch einen anderen Vorgang beobachtet wird.

Dadurch wird die faktische Wahrheit zu einer relativen Wahrheit. Eine faktische Wahrheit kann also durch neue Erkenntnisse sehr schnell zu einer Falschheit oder zu einer relativen Wahrheit mutieren. In der Wissenschaft geschieht dies fortwährend. Viele Dinge, die lange als wahr galten, wurden plötzlich relativ, als Einstein die Relativitätstheorie veröffentlichte. Ab dann galten viele Gesetze nur noch unter bestimmten Bedingungen. So steigt etwa der Energiebedarf für Beschleunigungsvorgänge in niedrigen Geschwindigkeitsbereichen faktisch linear an, aber in deutlich höheren Bereichen wird klar, dass der Anstieg eigentlich hyperbolisch stattfindet. Aus der faktischen Wahrheit wurde so eine relative, weil sie nur noch unter bestimmten Bedingungen gilt.

Wahrheiten werden zwar gerne als absolut deklariert, oder notfalls als faktisch, aber die allermeisten Wahrheiten sind relativ und nur unter bestimmten Bedingungen und Annahmen gültig. Wenn also jemand eine absolute Wahrheit im mundanen Bereich verkündet, selbst wenn es der Papst ist, dann lügt er, oder er weiß es nicht besser oder er will es nicht besser wissen. Die Geschichte um Galileo Galilei und die Frage, ob die Sonne um die Erde kreist oder umgekehrt illustriert dies sehr deutlich. Was heute noch als wahr gilt, kann morgen schon falsch sein.

Wenn wir uns also mit der Bedeutung der Logik für die Entscheidungsfindung befassen, müssen wir diesen Punkt unbedingt berücksichtigen. Man könnte sagen, dass die Wahrheit einer Evolution unterliegt, die parallel zu unserem sich erweiternden Wissen und unserer wachsenden Erkenntnisfähigkeit und Bewusstwerdung verläuft. In diesem Prozess ist die Logik ein Hilfsmittel, das aber seinerseits in gewissem Umfang auch von der Wahrheit abhängt. Der Grund dafür liegt darin, dass die Logik nur auf Grundlage von Daten, von Aussagen agieren kann. Wahrscheinlich kennt jeder das Phänomen, dass zu einem beliebigen Diskussionsgegenstand Fakten präsentiert und dann logische Schlüsse gezogen werden. Dann kommt jemand anders mit anderen Fakten und zieht daraus einen gegenteiligen logischen Schluss.

Die Logik benötigt für ihren erfolgreichen Einsatz also Daten, Fakten, Ausgangspunkte. Je mehr Daten zur Verfügung stehen, desto effizienter kann die Logik arbeiten; je präziser die Daten sind, desto genauer sind die Schlussfolgerungen; je enger ein Thema betrachtet wird, desto einfacher und klarer sind die Resultate. Wenn etwa eine Bank oder ein Industrieunternehmen die Zielvorgabe hat, schnell viel Geld zu scheffeln, dann ist es relativ einfach, mit Hilfe der Logik Strategien dafür zu entwickeln, denn die Datenlage ist einfach und klar. Schwieriger wird es, wenn der Geldfluss lange anhalten soll, denn man muss wesentlich mehr Faktoren berücksichtigen und Zukunftsfolgen abschätzen. Unmöglich wird es, wenn etwa die globale Wirtschaft zeitlich unbegrenzt jedes Jahr um einen bestimmten Prozentsatz wachsen soll, denn hier müssen unglaublich viele Daten berücksichtigt werden, wobei hinzukommt, dass dann ein exponentielles Wachstum vorliegt, das nur solange fortgeführt werden kann, bis die zugehörigen Ressourcen verbraucht sind – und diese sind ziemlich endlich. Für diese letzte Schlussfolgerung braucht man keine große Datenbasis, denn das ist einfache und unbestechliche mathematische Logik, und die ebenso logische Schlussfolgerung würde lauten, unsere globale Wirtschaft so schnell wie möglich von einem Wachstumsziel auf Nachhaltigkeit umzustellen und sie den Gegebenheiten anzupassen und dabei global zusammenzuarbeiten.

Um zu einem logischen Ergebnis zu gelangen, benötigt man zuerst eine Ausgangslage und die zugehörigen Daten und muss diese dann anhand einer Ziel- oder Richtungsvorgabe verstehen und durcharbeiten.

Bei abstrakten Betrachtungen kann man auf der Basis von feststehenden Grundtatsachen, von Axiomen, arbeiten. Das funktioniert besonders gut in der Mathematik, die ein logisches Gedankengebäude darstellt, das auf sehr wenigen Grundannahmen aufgebaut ist. In der Physik ist das schon schwieriger, weil längst nicht alle physikalischen Grundannahmen bekannt sind. Aber hier kann man mit den Mitteln der Logik und der Beobachtung der physikalischen Welt immer besser herausarbeiten, welche Axiome noch fehlen.

Eine andere Ausgangsbasis sind empirische Daten – man betrachtet die Gegebenheiten und zieht daraus seine Schlüsse. Je genauer, umfassender und zuverlässiger dabei die erhobenen Daten sind, desto einfacher gestaltet sich dies. So ließ sich etwa aus der Beobachtung der Bewegung des Planeten Neptun mit den Mitteln der Logik und der Mathematik die ungefähre Bahn des Pluto errechnen.

Aber empirische Daten sind nicht immer eindeutig, nicht nur im gesellschaftlichen Bereich, sondern auch im naturwissenschaftlichen. So kommt es immer wieder vor, dass wissenschaftliche Veröffentlichungen zurückgezogen werden, etwa weil wichtige Einflussgrößen übersehen oder ignoriert wurden, weil der Versuchsaufbau und/oder die Durchführung mangelhaft war, weil sich jemand verrechnet oder vertippt hat oder die Tabellenkalkulation nicht beherrscht oder weil schlichtweg gefälscht wurde, nicht selten mit einer Industrie oder Streben nach Ruhm im Hintergrund.

Und auch wenn hier alles richtig ist, gibt es noch das Problem der Darstellung und Interpretation der Daten. Die Fähigkeit, mit Statistiken zu lügen, ohne sie direkt zu fälschen, ist weit verbreitet und wird von Politikern und Eiferern gerne angewandt. Das fängt an mit Formulierungen wie „beachtliche 30 %“ oder „lediglich 30 %“, Herauspicken eines Ergebnisses und Verschweigen des Restes, unzulässiges Zusammenfassen von Teilergebnissen (alles was nicht dafür ist, ist dagegen), Definitionsfragen bis hin zum Herauspicken von Extremereignissen und Verschweigen von Vergleichswerten (z.B. zwei mutmaßliche Haschischtote gegenüber hunderttausenden Alkoholtoten oder die Wirksamkeit neuer Medikamente). Wenn man hier keine wissenschaftliche Ausbildung hat und/oder keine Zeit oder Möglichkeit, die Originaldaten zu studieren oder den Versuchsaufbau zu überprüfen, kann man den Informationen, aus denen man Schlüsse ziehen will, nur vertrauen, oder aber nicht.

Eine weitere Ausgangslage für Betrachtungen oder Entscheidungen hat weniger mit der Realität zu tun als vielmehr mit der Vorstellung der Realität, was dann meist zu einer Verzerrung, zu einem Missbrauch der Logik führt. Es handelt sich hier um Wünsche, um den Glauben und um die Religion. Obwohl sich Axiome nicht wirklich beweisen oder widerlegen lassen, sind sie doch wegen ihrer Offensichtlichkeit und gewissermaßen archetypischen Natur und weil sich die aus ihnen erfolgten logischen Deduktionen überprüfen lassen, allgemein anerkannt. Auf solche Axiome können sich ganze Denk- und Wissenschaftsgebäude und Philosophien gründen.

Und auch die Religion beruht grundsätzlich auf einem Axiom – der Existenz eines Schöpfergottes. Allerdings ist die Religion, anders als etwas die Mathematik, nicht logisch aus ihrem Axiom abgeleitet worden, sondern ist ein Konglomerat aus Wünschen, Geschichte, Täuschung, Selbstbetrug, Glauben, Unwissen, Machtbestrebungen, Ängsten, Lügen, Legenden usw. Wenn man solch ein Gebilde als Grundlage für weiterführende logische Betrachtungen nimmt, so wird man nie zu wirklich logischen Ergebnissen kommen, sondern permanent auf logische Brüche stoßen, die man nur dank der eigenen Blindheit und ideologischen Scheuklappen nicht als solche wahrnimmt. Das ist so, wie wenn man bei einem Sudoku einmal einen falschen Schluss zieht – der Sudoku wird dadurch unlösbar.

Spielen wir einmal ein Beispiel durch, in dem diese Ausgangslagen mehr oder weniger deutlich in Erscheinung treten, indem wir ein Aussagepaar analysieren, das immer wieder in die Diskussion um die Homosexualität eingebaut wird. Die erste Aussage lautet: „Homosexualität ist eine Wahl.“ Und darauf folgt dann gerne als Schlussfolgerung: „Wenn alle Menschen homosexuell wären, würden wir aussterben.“

Wenn wir in einem ersten Schritt annehmen, dass beide Aussagen der Wahrheit entsprechen und logisch zusammenhängen, dann müsste sich dieser Zusammenhang durch eine logische Gedankenkette nachweisen lassen. Also müssen wir uns zunächst mit der ersten Aussage beschäftigen. Die empirische Wissenschaft kommt hier zu einem gegenteiligen Schluss. Also muss man sich die Frage stellen, wie jemand zu einer solchen Aussage kommt. Um eine solche Aussage mit Überzeugung treffen zu können, muss darum eine persönliche Erfahrung vorliegen. Diese kann eigentlich nur so aussehen, dass sich die betreffende Person in einem Stadium ihrer Entwicklung bewusst gegen ein homosexuelles und für ein heterosexuelles Leben entschieden hat.

Es gibt zwei logische Möglichkeiten, warum man sich in einer extrem heterosexuellen Umwelt zu einer solchen Entscheidung genötigt sieht.

Die erste Möglichkeit besteht darin, dass im Wesen dieser Person Hetero- und Homosexualität annähernd gleichstark vertreten sind oder die Homosexualität zumindest deutlich in Erscheinung tritt, denn sonst besteht keine Notwendigkeit für eine Wahl. Die moderne Psychologie bezeichnet eine solche Person als bisexuell. Ihr stehen beide Verhaltensmöglichkeiten offen, und sie kann, wenn sie möchte oder sich dazu gezwungen sieht, eine Art Lifestyle-Entscheidung bezüglich ihres Verhaltens treffen, aber nicht bezüglich ihrer inneren Natur, weshalb solche Menschen ihre Entscheidung zugunsten der Heterosexualität nicht durchhalten können, was dazu führt, dass sie häufig bei homosexuellen Handlungen ertappt werden.

Die zweite Möglichkeit ist die, dass jemand sich zwar als heterosexuell sieht und empfindet, aber ihm aus unbekannten und noch unerfindlichen Gründen ein homosexueller Lebensstil als so verlockend erscheint, vor allem, wenn er ihn wiederholt betrachten kann, dass er sich zu einem Entscheidungsprozess gegen diese starke Verlockung gezwungen sieht.

Nachdem wir die erste Aussage, zumindest für denjenigen, der sie äußert, in sich (wenn auch nicht empirisch) logisch validiert haben, müssen wir nun nach einer logischen Verbindung zur zweiten Aussage suchen. Dieses Unterfangen sieht erst einmal ziemlich sinnlos aus, denn diese Aussage ist meilenweit von jeglicher Realität entfernt und klingt wie ein abgehobenes, intellektuelles Gedankenexperiment, so ähnlich wie Endzeitfantasien und -szenarien. Auf der anderen Seite muss es aber einen Grund geben, warum jemand eine solche Aussage trifft. Wenn man jedoch von der Begründung der ersten Aussage ausgeht, erscheint die zweite Aussage als durchaus logisch, wenn man davon ausgeht, dass die persönliche, subjektive Logik der ersten Aussage auf ausnahmslos alle Menschen übertragen wird. Das bedeutet, dass jeder Mensch vor der Wahl zwischen heterosexuellem und homosexuellem Leben steht. Da diese Aussagen ja immer vor dem Hintergrund der Angst vor der zunehmenden Sichtbarkeit der Homosexualität gemacht werden, drücken diese Aussagen die Überzeugung aus, dass eine sichtbare und positiv bewertete Homosexualität dazu führt, dass diese existenzielle Entscheidung zwischen Heterosexualität und Homosexualität zunehmend zugunsten der Homosexualität ausfällt, was schließlich dazu führen muss, dass niemand mehr heterosexuell sein will, was dann zur Folge hat, dass die derzeit 7 Mrd. Menschen auf der Welt in absehbarer Zeit mangels Fortpflanzung auf Null schrumpfen und die Menschheit so ausstirbt.

Allerdings ist diese Argumentation alleine noch keine logische Verbindung zwischen den beiden Aussagen, denn die künstliche Befruchtung, die bislang fast ausschließlich von heterosexuellen Paaren genutzt wird, würde natürlich auch homosexuellen Menschen zur Verfügung stehen, so dass an ein Aussterben auf diese Weise nicht zu denken ist. Um eine logische Verbindung zwischen den beiden Aussagen herzustellen, fehlt also noch ein Glied der Logikkette. Um zu diesem Glied zu kommen, muss man davon ausgehen, dass die vermehrte Sichtbarkeit und zunehmende Häufigkeit homosexueller Menschen dazu führt, dass die Reproduktionsmedizin in Vergessenheit gerät oder bis zum Aussterben der Menschheit verboten wird, oder dass sie womöglich zu einem Rückfall in mittelalterliche Technologie führt.

Damit haben wir jetzt, ausgehend von zwei Aussagen ein Weltbild erarbeitet, in dem beide Aussagen logisch sind. Dieses Weltbild ist extrem subjektiv und hat natürlich keinerlei Verbindung zur empirischen Realität und ist auch der subjektiven Realität der meisten Menschen, die sich weder als bisexuell sehen, noch nennenswerte homosexuelle Gefühle hegen, völlig fremd. Es zeigt eine in sich geschlossene, kleine Welt mit kleinem Horizont, der die reale Welt fremd ist.

Der Ausgangspunkt für diese Analyse war natürlich, dass diese Menschen selbst denken und ihre Schlussfolgerungen selbst gezogen haben. Die Ausgangslage ist hier also eine extrem eingeschränkte Empirie, die von sich auf das Ganze schließt, ohne das Ganze zu beachten oder zu betrachten – man ist Gott, und ein Realitätscheck ist somit nicht nötig.

Aber es gibt noch einen zweiten Ausgangspunkt, warum Menschen solche Aussagen treffen. Dieser beruht nicht auf einem internen Gott, sondern auf einem externen, und zudem auf einem Weltbild, das auf einer der vielen Gottesauffassungen basiert und diese monopolisiert – der Religion.

Religionen sind nicht empirisch – zumindest können hier empirische Erkenntnisse nicht nachvollzogen, getestet und verifiziert werden. Es gibt auch nur ein Axiom, das man einer Religion zugestehen kann: den Schöpfergott oder Urgott, der präexistent, allumfassend und in seiner Gesamtheit nicht zu erfassen ist. Aber die Religionen bauen auf diesem Axiom nicht auf, sondern gründen sich auf einer Vielzahl an künstlichen, sekundären Axiomen, die auf angebliche Aussagen des Schöpfergottes zurückgehen und darum, wie Axiome, nicht erklärbar sein müssen, was sie eigentlich zu Dogmen macht. Darum bildet die Religion zwar eine in sich geschlossene Kleinwelt, in der es zwar vielleicht ein echtes Axiom gibt, die aber auf künstlichen Annahmen beruht und entsprechend der inneren Logik dieser Dogmen funktioniert und eine Welt mit einem eingeschränkten Horizont bildet, die oft nur recht wenig mit der großen empirischen Welt zu tun hat, aber wie der bereits erwähnte kleine Gottmensch für sich in Anspruch nimmt, die Welt vollständig zu verstehen und und mit göttlichen Aussagen oder Ableitungen davon zu dominieren.

Dieser Hass der Religionen auf die Homosexualität ist eine andere Möglichkeit des Ursprungs der beiden obigen Aussagen, auch wenn sich diese nicht wirklich aus den entsprechenden heiligen Schriften ableiten lassen, denn die ohnehin sehr wenigen und flüchtigen Aussagen zur Homosexualität gelten nicht ihrer Natur. Der Hass beruht auf den daraus abgeleiteten Dogmen und lässt sich nicht logisch auf das einzige Religionsaxiom zurückführen und widerspricht ihm genaugenommen sogar, was allerdings innerreligiös genauso wenig von Bedeutung ist, wie das eigentliche Axiom. Es kann also sein, dass jemand diese beiden Aussagen macht, weil er sie als Dogma von einer Religion übernommen hat. Da dieses Dogma aber nicht aus dem Religionsinhalt ableitbar ist, bedeutet das, dass die Aussagen, die jemand übernommen hat, auf die bereits abgeleitete Weise zustande gekommen sein müssen und dann als Glaubenslehre verkündet wurden.

An diesem Beispiel sieht man gut, wie der Ausgangspunkt die Schlussfolgerungen beeinflusst. Es ist also wichtig, dass bei Gesprächen und Debatten eine gemeinsame Basis gefunden wird. Diese Basis sollte möglichst keine individuelle Kleinwelt sein, solange es nicht um Themen und Innenleben einer solchen Kleinwelt geht, sondern man sollte danach trachten, sich in der realen, empirischen Welt zu begegnen. An dieser hat etwa die Religion nur insoweit Anteil, als sie sich auf ihr eigentliches Axiom zurückführen lässt.

Es ist aber nicht nur die Ausgangslage, welche die Schlussfolgerungen beeinflusst, und bisweilen ihre Komplexität, die ein klares Ergebnis verhindert oder erschwert. Wenn es sich nicht gerade um naturwissenschaftliche Problemstellungen handelt, gibt es bisweilen mehrere durchaus logische Ergebnisalternativen. In solchen Fällen genügt es nicht, nur die Gegebenheiten zu betrachten und logischen Verknüpfungen zu folgen – man muss auch Zielvorgaben machen. Und man muss sich bei einer Diskussion auch auf die Zielvorgaben einigen.

Wenn wir zum Beispiel unsere gegenwärtige Wirtschaftslage nehmen (Armutsschere, drohender Kollaps, Ressourcenknappheit…) dann sagt uns die Gebrauchslogik, dass es so wie bisher nicht weitergehen kann. Es gibt eine objektive Ausgangslage, und je nachdem, welcher Kleinwelt man angehört – denn man kann sich kaum davor schützen, einer oder mehreren Kleinwelten anzugehören, denn jede Vorliebe bildet bereits eine Basis dafür –, wird man unterschiedliche Schwerpunkte und blinde Flecken bei der Beurteilung der Gegebenheiten haben, die für sich alleine schon allemal zu unterschiedlichen Schlussfolgerungen führen.

Kommen dann noch die unterschiedlichen Zielvorgaben hinzu, dann wird eine Diskussion und einvernehmliche Analyse erschwert, und die Ergebnisse können sehr unterschiedlich ausfallen. Diese Zielvorgaben können naturgemäß extrem voneinander abweichen, und sie sind wahrscheinlich wichtiger als Ausgangslage, denn sie bestimmen, in welche Richtung eine Entwicklung gehen soll. Von einer gegebenen Basis ausgehend kann man oft viele Logikketten bilden, aber eine Zielvorgabe reduziert deren Anzahl meist beträchtlich. Und wenn man eine Zielvorgabe hat, dann kann man diese Ketten auch rückwärts bilden; man kann sich fragen, was man in der Ausgangslage und auf dem Weg zum Ziel alles ändern muss, um dieses Ziel erreichen zu können. Logik kann nicht nur sagen, was geht und was nicht, sondern auch helfen, Dinge möglich zu machen.

Zielvorgaben sind wichtig, und sie müssen sich auf die empirische Welt, auf die Realwelt beziehen und nicht auf eine Kleinwelt, zumindest auf keine, deren Ziele nicht zur Gänze Teil der Realwelt sind, sondern ganz oder teilweise zu dieser und ihren Zielen in Widerspruch stehen. Man kann die Ziele der Realwelt mit evolutionsfähigen Idealen vergleichen und die Ziele der Kleinwelten mit starren Egoismen. Wenn wir etwa das Realwelt-Ziel haben, dass alle Menschen in der Lage sein sollten, ohne große Probleme ein erfülltes Leben zu führen, dann bilden Banken, Konzerne, Spekulanten usw. zwar Kleinwelten, die diesen Wunsch auch für sich selbst, für ihr eigenes Dasein reklamieren und selbstverständlich auch ein Anrecht darauf haben, die diesen Wunsch aber für sich extrem übererfüllen und mit ihren eigenen Zielvorgaben gewollt oder im Nebeneffekt darauf hinarbeiten, auf Kosten der Anderen, also auf Kosten der Realwelt Besitz anzuhäufen und so aktiv viele Menschen daran hindern, genügend Mittel, Essen oder Wasser zu haben und sich Heilbehandlungen leisten zu können.

Die egoistischen Kleinwelt-Ziele lassen sich mit Macht und Geld nahezu umfassend charakterisieren, die Realwelt-Ziele mit Freiheit, Entfaltung, Gemeinschaft und Zukunft. Jegliche Diskussion, die nicht innerhalb einer Kleinwelt stattfindet, muss sich, um sinnvoll zu sein, ein realweltliches Ziel setzen. Das ist etwas, das den meisten Diskussionen und Talkshows abgeht, denn dort stehen sich meistens Kleinweltvertreter gegenüber, die um Vorherrschaft kämpfen und ihr kleinhorizontiges Ideal der Realwelt aufprägen wollen. Hier wäre es wichtig, erst einmal Ziele zu definieren oder diese zu diskutieren und dann gemeinsam zu versuchen, aus der Ausgangslage, die vermutlich auch erst diskutiert werden muss, einen Weg zur Verwirklichung dieses Zieles herauszuarbeiten. Eine Diskussion sollte nicht zu einem Gegeneinander, zu einem Spiel um Macht und Einfluss werden, sondern eine Möglichkeit sein, zu Gemeinschaft, Verständnis und Zusammenarbeit in der Realwelt zu finden – nur dann ist sie fruchtbar und kann die Menschheit weiterbringen.

Wenn wir das Prinzip nun auf das angesprochen Problem der Wirtschaft anwenden, dann ist es am Besten, erst einmal einen Blick auf die Zielvorgaben zu werfen. Die Zielvorgaben von Finanzwelt, Banken und Industrie sind klar: Besitz und Einfluss. Die Zielvorgaben der Realwelt sind ausreichend Güter und optimale Nutzung der vorhandenen Ressourcen für Alle, wirtschaftliche Stabilität und Frieden und Einheit. Und dann sehen wir uns die zugehörige Ausgangslage an: Ausbeutung, schlechte Produktqualität, nationaler bis individueller Egoismus, Nahrungsmittel- und Rohstoffspekulationen, Ressourcenmangel, überhöhte Ansprüche, Staatsverschuldung, Bankokratie, Korruption, Lobbyismus, Förderung der Armutsschere, Verdrängungswettbewerb, das Recht des Stärkeren … Und was ist das Ergebnis dieser Ausgangslage? Es ist Staatsbankrott, Hunger, weggeworfene Nahrungsmittel, Seuchen, Wassermangel, Elend, Abhängigkeit, Sklaverei, Schrottprodukte, Umweltverschmutzung, Krankheit, Kriege, Abhängigkeit der Staaten von den Banken, Abbau der Freiheits- und Menschenrechte, Kinderarbeit …

Das ist die Lage, und wenn wir uns individuell bis global auf die Zielvorgaben einigen könnten, dann ließen sich auch Lösungen finden. Pauschal kann man sagen, dass diese in der Zusammenarbeit, dem Abbau von Egoismen und der Auflösung der Kleinwelten liegen. Wenn man dieses schafft, dann findet man mit Hilfe der Logik auch alle notwendigen Detaillösungen.

Natürlich kann man gemeinsam im Gespräch auch einfacher und konfliktfreier Lösungen finden, aber dazu bedarf es tiefgreifender Änderungen in uns allen. Es ist keine wirklich neue Erkenntnis, dass die Logik keine unabhängige Größe ist und zu vielen Ergebnissen führen kann und dass es darum auch fast unmöglich ist, die Meinung anderer Menschen zu ändern, denn weder ist das Wissen gleich verteilt, noch wird es gleich akzeptiert, noch bemühen sie die meisten Menschen aufrichtig um Logik und Erkenntnis – die Menschen haben Vorurteile, die sie lieben und über die sie nicht hinausgehen wollen und sind nicht offen für den dafür nötigen inneren Wandel. Das Hauptproblem dafür liegt im Egoismus, der in jedem Menschen angelegt ist und im Laufe seiner Entwicklung stetig gefördert wird. Ihn zu vermindern und eine objektive orientierte Geisteshaltung aufzubauen bedarf es einer anhaltenden Bemühung um Bewusstwerdung und Offenheit, also einer regelrechten Bewusstseinsschulung und einer Ethik-Erziehung, die im weitesten Sinne humanistisch orientiert ist. Im Moment ist unsere Ethik eher kapitalistisch orientiert und unsere Bewusstseinsschulung auf Einengung und Normierung bedacht. Damit kommt man zu keinen gemeinsamen Ergebnissen und damit auch zu keinem wirklichen Fortschritt.

Das Ego hat aber so etwas wie einen Gegenspieler – und das ist die Liebe. In dem Maß, in dem wir es schaffen, in uns die wahre und bedingungslose Liebe zu entwickeln und wachsen zu lassen und sie der ganzen Welt zuzuwenden, wird das Ego in den Hintergrund treten, und Offenheit und Wandlungswillen werden sich entfalten, denn dann such man nicht mehr nach den einfachen und leichten Lösungen, sondern nach denen, die das Beste für alle versprechen. Wahre Liebe macht frei und offen und bereit für Verständnis, Zusammenarbeit und Fortschritt. Sie ist ein eigenständiger Weg der Bewusstwerdung und des Kontaktes zu Welt.

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